Sonntag, 30. märz 2008

Ich pflege einen sehr engen Kontakt zu meinen Körperausscheidungen.“

Helen Memel ist 18 Jahre alt, Schülerin und ihre Hobbies sind: Avocadokerne sammeln, stätiger Geschlechtsverkehrt mit wechselnden Partnern und die Verbreitung diverser Bakterien auf die ein oder andere Art. Schon seit langem wird sie von blumenkohlartigen Hämorrhoiden geplagt, die ihr nun, nach einer äußerst missglückten Intimrasur, eine schmerzhafte Analfissur beschert haben. Helen wird im Krankenhaus Maria Hilf auf der Inneren aufgenommen und operiert. Helen ist ein Scheidungs“kind“ und hat nun die Hoffnung, die Eltern durch die Sorge um ihre Tochter wieder zusammenzuführen. Der größte Teil des Tages wird aber mit Experimenten gefüllt. Experimente, die sich mit sämtlichen Körperöffnungen befasst. Krankenpfleger Robin muss ihre Wunde fotografieren, damit sie sich überhaupt vorstellen kann, wie es dort nach der OP aussieht und überhaupt muss Robin für viele intime Fragen herhalten. Helen versinkt in Gedanken an Hygienevorstellungen, die sie doch sehr von anderen Menschen unterscheidet, tauscht sie doch z.B. mit ihrer besten Freundin benutzte Tampons und beschwört damit eine ganz neue Definition von „Blutsschwesternschaft“. Sie sinniert über Masturbationstechniken, Beinrasuren, die von wildfremden Männern ausgeführt werden, Analverkehr, Smegma als Parfumersatz und Sexandenkenkaubonbons. Sehr provokant und unmädchenhaft erzählt und grübelt sie über alles, was sie bewegt und erlebt hat und auch als ihre ungestüme Neugier ihr eine erneute Operation, gar eine Notoperation, einbringen, hört sie nicht auf. Durch die Not-OP wird auch ihre Hoffnung immer größer, dass ihre Eltern wieder zueinanderfinden können, hat Helen doch den Selbstmordversuch ihrer Mutter nie wirklich verwunden und will darüber reden. Robin jedenfalls kümmert sich sehr rührend um Helen, der die nicht alltägliche Patientin umhegt, pflegt, und...

Dadurch, dass Charlotte Roche ihren Text selbst liest, gewinnt die an sich doch sehr eklige Geschichte an Witz und Wirkung. Wer sich auf die Geschichte einlassen kann, kann so ein Hörbuch erleben, das es vorher in solch einer Form noch nicht gab. Die Autorin sagt, „zu siebzig Prozent sei sie das selbst“ und man mag eigentlich lieber gar nicht wissen, welche siebzig Prozent das wirklich sind. Fakt ist jedoch, dass man Charlotte Roche die Freude an ihrem Text abnimmt und in jedem Ton spüren kann. „Feuchtgebiete“ ist, wie der Name schon verspricht, kein trockener Text, sondern lebt von der radikalen Schreib- und Erzählweise Roches. Charlotte Roche entführt den Hörer mit „Feuchtgebiete“ auf eine Reise in den Tabubruch schlechthin, sehr unsentimental und ironisch, aber auch tragisch und sensibel schildert sie die Geschichte der Helen Memel.

Feuchtgebiete“ ist eine ungekürzte Lesung auf fünf CDs mit einer Gesamtspielzeit von 334 Minuten.

Charlotte Roche wurde 1978 in High Wycombe/England geboren und wuchs in Deutschland auf. Für ihre Arbeit als Fernsehmoderatorin u.a. für Viva, arte und das ZDF wurde sie mit dem Grimme-Preis und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Charlotte Roche lebt in Köln, sie ist verheiratet und hat ein Kind. »Feuchtgebiete« ist ihr erster Roman.

von bibihexe76 veröffentlicht in: Hörbücher-Rezensionen
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