Sonntag, 30. märz 2008

In neunzehn Minuten kann man den Rasen vor dem Haus mähen, sich die Haare färben, Brötchen backen, sich vom Zahnarzt eine Füllung machen lassen oder die Wäsche für eine fünfköpfige Familie zusammenlegen. Neunzehn Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von der Grenze Vermonts nach Sterling in New Hampshire. In neunzehn Minuten kann man einem Kind eine Gutenachtgeschichte vorlesen oder einen Ölwechsel machen lassen. Man kann eine Meile gehen. Man kann einen Saum nähen. In neunzehn Minuten kann man die Welt anhalten oder einfach von ihr abspringen. In neunzehn Minuten kann man Rache nehmen.“

Sterling, New Hampshire. Ein ruhiger beschaulicher Ort mit freundlichen und friedlichen Menschen. Doch kennt hier wirklich jeder jeden so gut, wie angenommen?

Peter Houghton ist Schüler der Highschool und wird seit seinem ersten Schultag gehänselt und gemobbt. Nun ist er 17 Jahre alt und am Ende seiner Kräfte und schließt so einen perfiden Plan. Eines Morgens betritt er die Schule und richtet in neunzehn Minuten die, die ihm das Leben bislang zur Hölle gemacht haben. Zahlreiche Schüler sterben, andere werden schwer verletzt. Unter ihnen auch seine ehemals beste Freundin, Josie Cormier, Tochter der ansässigen Richterin, die sich jedoch an den Amoklauf nicht mehr erinnern kann. Der Ort steht unter Schock.

Doch dieser Schock weicht bald einer Medienhetze und schon bald sinnen auch die Bewohner von Sterling auf Rache, denn Peter lebt ja schließlich immer noch. Schon bald beginnt der Prozess, der für Peters Verteidiger kein leichter Job ist, seine Aufgabe besteht darin, das Gericht davon zu überzeugen, dass Peter in erster Linie Opfer ist, Opfer jahrelanger Demütigungen. Der eigentlich so wohlerzogene gute Junge Peter wird zum Monster deklariert, die Eltern aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Alle wollen wissen, warum hat er das getan. Doch ist das wirklich so einfach zu klären?

In den Büchern von Jodi Picoult lernt man die Geschichte aus zahlreichen Perspektiven kennen, es gibt hier kein Schwarz oder Weiß, sondern auch zahlreiche Schattierungen dazwischen, was ihre Bücher so tiefsinnig und lesenwert macht. Umso schöner, dass endlich auch eines ihrer Bücher als Hörbuch vorliegt. Noch schöner, wenn diese Produktion dann so gelungen ist wie diese. Sechs verschiedene Sprecher lassen den Hörer eintauchen in eine Welt, die uns aus zahlreichen Nachrichtensendungen über Schulmassaker bekannt scheint. Doch wer sind die Täter wirklich, was für ein Leben hatten sie, was hat sie geprägt? Jodi Picoult zeichnet hier ein Täterprofil, in dem der Hörer Verständnis bekommt für das, was in den furchtbaren 19 Minuten geschehen ist. Die Geschichte gewinnt hier durch die Darstellung der Mehrstimmigkeit der Sprecher, Schicksal und Lebensweg des Protagonisten werden dem Hörer sehr nah gebracht und garantieren so stundenlange Spannung, die den Hörer nahezu atem- und sprachlos zurücklässt. Gelungen ist auch hier Picoults Kunstgriff, Figuren aus bereits erschienen Büchern in die Geschichte einzubinden, so kehrt u.a. Nina Frost aus „Die Macht des Zweifels“ zurück.

19 Minuten“ ist eine gelungene szenische Lesung und macht es dem Hörer nicht allzu leicht, was aber an der Erzähltaktik der Autorin liegt. Man lauscht hier hinter die Kulissen eines Prozesses, der nicht so einfach zu führen ist, wie es anfangs scheint.

Mit viel Gefühl nehmen die sechs Sprecher ihre Hörer gefangen, sie verstehen gekonnt, eine beklemmende Atmosphäre zu transportieren und lesen diese Geschichte mit genau den zahlreichen Zwischentönen, die so typisch sind für Jodi Picoult. Ein Hörbuch auf atemberaubenden acht CDs, die unter die Haut gehen, die nachdenklich stimmen und einfühlsam inszeniert wurden.

19 Minuten“ ist eine gekürzte szenische Lesung auf acht CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 586 Minuten.

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, veröffentlichte 1992 ihren ersten Roman, der sofort zu einem großen Erfolg wurde. 2003 wurde sie mit dem New England Book Award ausgezeichnet. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und drei Kindern in Hanover, New Hampshire. Mit dem Roman »Beim Leben meiner Schwester«, der wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, gelang ihr der Durchbruch in den USA. Sie gehört inzwischen zu den erfolgreichsten amerikanischen Erzählerinnen weltweit und wurde 2007 in England zur Autorin des Jahres gewählt. Zuletzt erschienen auf Deutsch »Die Wahrheit meines Vaters« und »Neunzehn Minuten«.

von bibihexe76 veröffentlicht in: Hörbücher-Rezensionen
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